WAS ist herkunftssprachlicher Unterricht (HSU)?

Jedes Kind und jeder Mensch hat das Recht seine Erstsprache oder die Sprache, die in seiner Familie gesprochen wird, zu erlernen. Der Unterricht in der Familien- bzw. Herkunftssprache wird herkunftssprachlicher Unterricht (HSU, auch muttersprachlicher Unterricht) genannt.

Regelung des HSUs in Deutschland und BW

In zehn deutschen Bundesländern ist der HSU bereits als Schulfach anerkannt (s. Grafik unten).

In NRW z. B. zählt der HSU „zu den Aufgaben der öffentlichen Schulen und wird an allen Schulformen in den Jahrgängen der Primarstufe und der Sekundarstufe I nach den Vorgaben eines sprachenneutralen Curriculums von landesbediensteten Lehrkräften erteilt.“ (Mehr dazu auf der Homepage der Kommunalen Integrationszentren NRW, u.a. Links zu Downloads von Lehrplänen und Orientierungslinien.)

Somit handelt es sich um ein dem Regelunterricht ergänzendes Bildungsangebot für mehrsprachig aufwachsende Schüler, das in der Regel fünf Wochenstunden umfasst und von speziell erarbeiteten Lehr-und Lernplänen als Schul- und Abiturfach gesteuert wird.

In Baden-Württemberg (und somit auch im IMIBs Standort Freiburg) ist der HSU an deutschen Schulen NICHT angeschlossen:

Die Rahmenbedingungen für den muttersprachlichen Zusatzunterricht in Baden-Württemberg sind in der Verwaltungsvorschrift des Kultusministeriums über die Grundsätze zum Unterricht für Kinder und Jugendliche mit nichtdeutscher Herkunftssprache und geringen Deutschkenntnissen an allgemein bildenden und beruflichen Schulen festgelegt. Danach findet der muttersprachliche Zusatzunterricht in der Form des sogenannten Konsulatmodells statt, d. h. die inhaltliche und organisatorische Ausgestaltung liegt in der alleinigen Verantwortung der Herkunftsländer und unterliegt nicht der staatlichen Schulaufsicht.” (Mehr dazu auf https://km-bw.de/Kultusministerium,Lde/Startseite/Schule/Sprachfoerderung).

In der Praxis ist der HSU in BW vor allem an Migranten- und Samstagsschulen für Herkunftssprachen angebunden, die kaum untereinander und zu deutschen Schulen vernetzt sind. Somit steht der HSU eher am Rande des allgemeinen und individuellen Bildungsweges von Schülern, die von Geburt auf mit zwei- und manchmal drei Sprachen aufwachsen.

Das HSU Netzwerk

In Deutschland wird der HSU durch das bundesweite HSU-Netzwerk erforscht und gefördert (Homepage https://www.uni-due.de/prodaz/hsu_netzwerk).

Das Netzwerk wird koordiniert von der Koordinierungsstelle Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung -KoMBi- (angesiedelt an der Universität Hamburg) und ProDaZ (angesiedelt an der Universität Duisburg-Essen).

Im Rahmen von Netzwerktreffen werden u.a. folgende Themen aufgegriffen:

1. Vernetzung HSU mit dem Deutsch- und/oder Fachunterricht in allen Schulformen

2. Didaktik des herkunftssprachlichen Unterrichts

3. Integration in das Regelcurriculum

4. Rekrutierung und Qualifizierung von Lehrkräften, Fortbildung von Lehrkräften

Warum ist der HSU als Schulfach – für die bessere Integration und den Bildungserfolg von Schülern mit Migrationshintergrund wichtig?

Kinder verschiedener Herkunft können durch den HSU bewusst wahrnehmen, dass alle ihrer Sprachen zu ihrer Identität und ihrem Alltag – sowohl in der Familie, als auch im sozialen Schulumfeld – gehören.

Durch die parallele Förderung von Deutsch und Herkunftssprachen im gemeinsamen Schulkontext können Lern- und Sprachkompetenzen, sowie wichtige Sachinhalte noch stärker aufgegriffen, verstanden und verinnerlicht werden. Dabei lassen sich Kompetenzen von der Erstsprache ins Deutsche (und umgekehrt) übertragen.

Weiterhin können komplexe soziale und interkulturelle Kompetenzen geübt werden: z. B. die gelebte Mehrsprachigkeit vor Ort, samt verschiedener Familiensprachen und -kulturen mit Interesse begegnen, kulturelle Differenzen verstehen und akzeptieren, religiös geprägter Unterschiede in der Umgangskultur mit Toleranz entgegenkommen.

Schüler mit demselben sprachlich-kulturellen Hintergrund können sich gegenseitig unterstützen und miteinander bzw. voneinander lernen: Stärkere Schüler können dabei schwächere Schüler – z. B. als Paten sowie im Rahmen von HSU – in ihrem Lernprozess unterstützen.

Weiterführende Auswirkungen

Deutsch- und Fachlehrkräfte werden durch HSU-Lehrkräfte beim Umgang mit Mehrsprachigkeit und heterogenen Klassen unterstützt.

Eltern von mehrsprachig aufwachsenden Kindern werden durch Fachkräfte unterstützt und ermuntert die sprachliche Entwicklung ihrer Kinder bewusst zu stärken.

Die gelebten Sprachen und Kulturen gewinnen im Schulkontext einem zusätzlichen Anerkennungswert: Dadurch bekommen Schüler mit und ohne Migrationshintergrund die gleichberechtigte Anerkennung ihrer Sprach- und Sachkompetenzen.

In der globalisierten Welt werden komplexe und kommunikative Kompetenzen in mehreren Sprachen gefragt. Schüler verschiedener Herkunft können dadurch ihr Potential aus dem Familienumfeld erweitern und effizienter nutzen.

In der ersten Etappe unseres Projekts haben wir vor, folgende Punkte zu erarbeiten:

1. Ein breiteres Gespräch über die positiven Auswirkungen des HSUs als Schulfach sowie über die Regelung des HSUs in Baden Württemberg initiieren.

2. Als erster Schritt: Die Freiburger Samstagsschulen für Herkunftssprachen – untereinander und zu Freiburger Schulen – vernetzen (Netzwerktreffen organisieren).

3. Diskussionsrunden zwischen HSU-Praktizierenden und Vertretern der Schulen, Bildungsverwaltung und kommunaler Bildungspolitik veranstalten (auch über die Grenzen Freiburgs hinaus).

4. Experten und Redner aus Forschung und Praxis einladen, die über Verfahren und gute Praktiken in anderen Bundesländern sowie Europa übergreifend berichten.

Unterstützen Sie uns eine Gemeinschaft von GLEICHGESINNTEN zu bilden, die von den Potentialen des HSUs für die Identität und die BILDUNGSCHANCEN der mehrsprachig aufwachsenden Kinder überzeugt sind.

Wir freuen uns über HSU-Praktizierende, Samstagsschulen für Migrantensprachen, Organisationen und Interessierte, die sich für DAS THEMA HSU IN FREIBURG und in BW interessieren.

WIR BRAUCHEN Ihre Expertise und Ideen, in dem Sie z. B. an unseren geplanten Diskussionen und Netzwerktreffen teilnehmen.

Gemeinsam sind wir stark und können ETWAS BEWEGEN!